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Fundraising-Echo

Wie heiß umkämpft ist der Spendenmarkt?

Wie heiß umkämpft ist der Spendenmarkt?

Die Medien und oft auch die Fundraiser selbst erzählen gern die Mär vom heiß umkämpften Spendenmarkt. In der Praxis ist davon wenig zu sehen.

Die Mitglieder des Berufsstands Fundraiser gehen pfleglich miteinander um. Statt zu kämpfen, tauschen sie sich untereinander aus und gönnen sich die Erfolge, die sie mit ihren Kampagnen erzielen. Denn alles ist ja für gute Zwecke, und wer weiß, ob die Fundraiserin, die sich heute um aussterbende Wale kümmert, nicht morgen die Spenden der Alumni bei einer aufstrebenden Universität einsammelt oder sich um die Mehrung des Stiftungsvermögens von Denkmalrettern bemüht. Die angewandten Techniken und Methoden sind im Wesentlichen Standard. Stars unter den Fundraisern, wie man sie gelegentlich bei den britischen oder US-amerikanischen Experten vermutet, gibt es in Deutschland kaum. Und wenn, prahlen sie nicht damit.
 
Ein größeres Problem fürs Fundraising sind allerdings die vielen Parallellgründungen neuer Initativen. Nach jeder Katastrophe explodiert die Zahl neuer Hilfsorganisationen förmlich. Die meisten sind klein und werden im naiven Glauben gegründet, dass man etwas tun muss gegen das im Fernsehen und Internet erlebte Elend und der gute Wille schon für die Tat steht. Da hört eine Familie im Taunus, dass es im Überschwemmungsgebiet in Pakistan an sauberem Trinkwasser mangelt, und sammelt mit dem familieneigenen Van tagelang Plastikwasserflaschen ein, um sie nach Pakistan einfliegen zu lassen. Ein Bekannter bei einer Fluggesellschaft hat vage angedeutet, dass er bereit ist, die Flaschen kostenlos mitzunehmen. Natürlich kommt die Lieferung über den Frankfurter Flughafen nicht hinaus. Denn in Lahore gibt es niemanden, der die Flaschen am Flughafen abholt geschweige denn über hunderte von Kilometern ins Landesinnere transportiert.
 
Ähnlich geht es mit den brav in Apotheken eingesammelten Medikamenten, die Erdbebenopfern in Japan helfen sollen, die meisten davon dicht am Ablaufdatum und natürlich alle mit deutschen Beipackzetteln. Wenn sie wirklich bis Japan kommen, werden sie dort von den Behörden entsorgt.
 
Auf höherem Niveau liegt die Gründung von Hilfs- und Fördervereinen. Nach dem Tsunami Weihnachten 2004 hätte man ein Neugründungsbarometer ins Internet stellen können von Fluthilfeorganisationen, die zu Hause im Freundeskreis oder einsam am Computer entstanden, die meisten davon in operativer Absicht, das heißt mit dem festen Vorsatz, gesammelte Gelder und Hilfsgüter persönlich ins verwüstete Urlaubshotel vom letzten Sommer zu bringen. Viele dieser Initiativen blieben gute Absicht, weil sich die Initiatoren überzeugen ließen, dass es besser ist, für etablierte, erfahrene Hilfsorganisationen zu sammeln, die ihre Partner bereits vor Ort hatten. Und selbst den Profis der Katastrophenhilfe fiel es schwer, das sinnvoll unterzubringen, was aus Millionen Spender-Portemonnaies floss.
 
Überall entstehen heute kleine Hilfsorganisationen, die versuchen, bundesweit oder im Bekanntenkreis und durchaus mit professionellen Mailingstrategien sozusagen aus dem Wohnzimmer zu helfen. Am PC und mit Hilfe von ein paar gründungsbereiten Freunden fällt es nicht schwer, einen virtuellen Förderverein für notleidende Kinder in Kenia oder Namibia zu gründen und immer wieder hinzufliegen, um nach dem Projektfortschritt zu sehen. Man kann sogar Förderer ins Projektgebiet mitnehmen und ein paar schöne Urlaubstage lang am Waisenhaus mitbauen zu lassen. Unendlich viel schwerer ist es, das Projekt vor Ort mit Leben zu erfüllen und vor begehrlichen Zugriffen derer zu schützen, die das Geld aus Deutschland schätzen, aber nicht die Arbeit machen wollen.
 
Auf ähnlichem Niveau geschehen viele Stiftungsgründungen. Es ist erbaulich, die hehren Motive der Stiftungsgründer zu sehen. Kaum jemand sagt den Forschern der Bertelsmann-Stiftung klar, dass es zwar auch um einen guten Zweck, aber vor allem darum geht, der Menschheit auf Dauer als Wohltäter in Erinnerung zu bleiben und undankbaren und/oder bestens versorgten Erbberechtigten Vermögen zu entziehen, das sie sonst ohne gebührende Wertschätzung für den eigenen Luxus durchbringen würden.
Im Jahre 2010 sind in Deutschland 824 rechtsfähige Stiftungen bürgerlichen Rechts gegründet worden. So meldet es der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Hinzu kommen zahlreiche Treuhandstiftungen. Doch der Trend zu überproportionalem Zuwachs scheint gestoppt. Die Zahl der Neugründungen geht zurück. Es wäre interessant zu erfahren, ob stattdessen die Zahl der Zustiftungen bei vorhandenen Stiftungen steigt. Und noch interessanter wäre es zu erfahren, ob das Stiftungsvermögen der Neugründungen wächst. Viele sind Kleinststiftungen, die kaum mehr als ihre Verwaltungskosten abwerfen und zu öffentlichem Ballast werden. Wann startet der Bundesverband endlich mal die Kampagne: „Stiften, ja bitte, aber nur mit genügend Kapital“? Da entsteht viel totes Holz, das die Banken freut, niemandem sonst nützt und das eines Tages der Inflation oder einer Währungsreform zum Opfer fällt, nicht in diesem, aber vielleicht im nächsten Jahrhundert, Kapital, das eigentlich heute Gutes tun könnte.
 
Wir brauchen keine neuen Stiftungs- und Vereinsgründungswellen, sondern eine Stärkung der Basis der vorhandenen Vereine und Initiativen, Berater, die Stiftungs- und Spendenwillige mit erfolgreichen Partnern zusammenbringen, um Synergieeffekte zu schaffen.

Dr. Christoph Müllerleile
 
Dr. Müllerleile ist Fachjournalist und Fundraisingberater. Die Kolumne gibt seine eigene Meinung wieder.

 
Quelle: Fundraising-Echo 2/2011